Nach dem Abitur: Wie man die Zeit der Orientierung am besten nutzt
Nach dem Abitur: Wie man die Zeit der Orientierung am besten nutzt

Nach dem Abitur beginnt für viele jungen Menschen ein freier und ungeplanter Lebensabschnitt. Statt gleich einen Studienplatz oder einen Ausbildungsplatz anzutreten, entscheiden sich fast ein Drittel der Studienberechtigten für eine Übergangszeit von wenigen Monaten bis zu zwei Jahren. Diese Zeit kann der beruflichen Klärung dienen, die eigene Belastbarkeit erhöhen oder eine Fremdsprache auf ein höheres Niveau bringen.

Die Orientierungsphase als eigenständiger Lebensabschnitt

Die Zeit der Übergangsphase nach dem Abitur wird mittlerweile von Bildungsforschung und Arbeitgeberseite zunehmend als produktive Zeit anerkannt, wenn sie mit einer Tätigkeit gefüllt wird. Wer ein strukturiertes Angebot wie etwa einen Schüleraustausch nach der Schule macht, verlängert die schulische Erfahrung um einen internationalen Baustein und verbindet Sprachpraxis mit interkultureller Alltagserfahrung. Andere Modelle setzen bei sozialem Engagement, körperlicher Arbeit oder ersten Berufserfahrungen an. Wichtig ist nicht das Format, sondern die Passung zu den persönlichen Zielen der nächsten Jahre.

Freiwilligendienste im Inland

Das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ) und der Bundesfreiwilligendienst (BFD) sind gesetzlich geregelt und in der Regel auf zwölf Monate angelegt. Träger sind Wohlfahrtsverbände, Krankenhäuser, Einrichtungen der Behindertenhilfe, Kultur, Sport oder Denkmalpflege. Die Dienste werden mit monatlichen Aufwandsentschädigungen von etwa 300 bis 450 Euro vergütet, es fließen Sozialversicherungsbeiträge und es besteht Urlaubsanspruch sowie Anspruch auf 25 Seminartage. Der Dienst wird als Wartezeit auf einen Platz in einem zulassungsbeschränkten Studiengang anerkannt, bei einem Teil der Ausbildungsbetriebe zählt der Dienst als Vorpraktikum. Für sozial oder ökologisch interessierte Abiturient:innen ist dies ein niederschwelliger Einstieg in erste Berufserfahrungen.

Zielgerichtete Auslandsaufenthalte: von der Sprachreise bis zum Kulturaustausch

Für einen Aufenthalt im Ausland stehen eine Reihe von Formaten zur Wahl. Work-and-Travel-Programme in Australien, Neuseeland oder Kanada etwa arbeiten mit Working-Holiday-Visa und einer Altersgrenze für die Reisenden von in der Regel 30 oder 35 Jahren. Bei einem Au-pair-Aufenthalt gibt es Familienanschluss, der meist sechs bis zwölf Monate dauert. Veranstalter mit strukturierten Schul- oder Internatsprogrammen bieten die Kombination von Schulbesuch mit Gastfamilie oder Wohnheimunterbringung auch für die Zeit nach dem Abitur an, etwa als High-School-Semester oder als Vorbereitungsjahr an einer internationalen Schule. Bei der Auswahl hilft das Qualitätssiegel des Arbeitskreises gemeinnütziger Jugendaustausch (AJA) sowie die Zertifizierung durch das Deutsche Institut für Qualitätsstandards (DIQP).

Praktika und Vorlaufzeiten

Ein längeres Praktikum von drei bis sechs Monaten kann die Studienwahl erheblich erleichtern. Viele technische und wirtschaftswissenschaftliche Studiengänge verlangen ohnehin ein Vorpraktikum, das sich in dieser Zeit absolvieren lässt. Auch duale Studiengänge werden häufig über einen ersten praktischen Einstieg im Unternehmen erschlossen. Sinnvoll ist hierbei der Aufbau eines möglichst belastbaren Zeugnisses für spätere Bewerbungen.

Kriterien für eine belastbare Entscheidung

Bei der Wahl des geeigneten Anbieters helfen folgende einige überprüfbare Faktoren:

  • Gilt der Aufenthalt z. B. als Wartezeit oder wenigstens als Vorpraktikum anerkannt?
  • Ist ein transparenter Preisaufbau zu ermitteln, einschließlich Nebenkosten?
  • Ist ein vertraglich verbriefter Platz mit Rücktrittsmöglichkeit vorhanden?
  • Ist die Betreuung vor Ort erreichbar?
  • Gibt es Programme mit unabhängigen Zertifizierungen und dokumentierten Erfahrungen früherer Teilnehmer, die mehr Planungssicherheit geben als reine Vermittlungsangebote ohne festen Ansprechpartner?

Wer zusätzlich auch die staatlichen Fördermöglichkeiten wie das Auslands-BAföG oder Bildungskredite prüft, kann die finanzielle Machbarkeit realistischer einschätzen. So wird der Übergang weniger Leerstelle im Lebenslauf als vielmehr Abschnitt mit inhaltlicher Bindung zur weiteren Ausbildung oder Karriere.